Der Donnerstag aus unserer Sicht

++++ Rodungsarbeiten für mehrere Stunden verhindert ++++ Grubenblick-Besetzung geräumt ++++ 14 Festnahmen ++++ Wiesenbesetzung von Polizei durchsucht ++++ 6 zwangsweise DNA-Abnahmen ++++ Misshandlungen an Aktivist_innen auf den Polizeirevieren ++++ 1 Person weiter in U-Haft

Am Donnerstag war die Waldbesetzung im Hambacher Forst mit einem gigantischen Schlag an staatlicher Repression konfrontiert. Massenweise Festnahmen, vielfältige Anklagen und ein Presseecho, dass sich hauptsächlich auf Dokumentation des Polizeieinsatzes und Mitleid mit den armen, verletzten RWE-Angestellten beschränkte. Dies ist der Versuch einer Schilderung aus Sicht einiger Aktiv_innen, der natürlich niemals alle Perspektiven wiedergeben kann.

Am Donnerstagmorgen begannen, wie so oft seit Anfang Oktober, wieder die Räumungsarbeiten im Hambacher Forst. Der alltägliche Wahnsinn: Für den Klimakiller Braunkohle, der weltweit das Leben von Millionen Menschen bedroht, wird eines der ältesten und wertvollsten Waldökosysteme vernichtet, dass es in Mitteleuropa noch gibt. Das nur zur Klarstellung, denn das sind die Dimensionen, in denen sich unsere Aktionen bewegen: Den Tod von Millionen Lebewesen vor Augen, Menschen, nichtmenschliche Tiere, Bäume, wenn wir den Tagebau nicht stoppen.

Bereits in den vergangenen Tagen wurden Rodungsmaschinen durch Blockaden und Ankettaktionen am Arbeiten gehindert. Am Donnerstag war jedoch das Aufgebot an Sicherheitskräften ungewohnt stark, deshalb kam eine andere Strategie zum Einsatz: Um Fällungen zu stören bzw. die Waldarbeiter und Securities zu irritieren , wurden auf dem Waldboden Feuerwerkskörper gezündet. Sie wurden nicht geworfen, wie also können diese als Angriff gewertet werden?! Der Sicherheitsdienst reagierte auf diese ihm neue Ebene der Auseinandersetzung mit ungewohnter Dynamik und einem plötzlichen Angriff.

Vier Personen wurden brutal zu Boden geworfen, gewürgt und unter Androhung von weiteren physischen Schmerzen in den Schlamm gedrückt. Hierbei ist eine Person ohnmächtig geworden. Sicherheitsdienstleistende verfügen zwar über das Jedermensch-Festnahmerecht (laut Gesetz), dürfen aber keinesfalls solche exzessive Gewalt anwenden, wie sie es getan haben. Und egal, ob legal oder illegal – so überzureagieren, um den Profit RWEs zu sichern, ist aus unserer Sicht völlig unverständlich.

Um die Securities abzuwehren kam Pfefferspray zum Einsatz – in dieser Situation entstanden die von RWE beklagten Verletzungen. Unterdessen besetzen weitere Aktivist_innen eine Barrikade – mit dem Ziel die weitere Räumung hinaus zu zögern. Die vom Sicherheitsdienst gerufene Polizei brachte die vier Ingewahrsamgenommen aufs Polizeirevier und nahm zwei weitere Menschen fest.

Bei dem nun folgenden Einsatz wurden von den Polizist_innen (Bullen) einige Munitionskörper gefunden, die noch aus dem zweiten Weltkrieg stammten. Daraus wurde von Polizei und Medien eine „Bombenbedrohung“ durch linke Aktivist_innen konstruiert und allen Festgenommenen ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen (Hierzu ist zu sagen: Davon, alte Munitionskörper zu sammeln, um sie als Hindernis zu verwenden, dazu, sie als Bomben zu benutzen, ist es ein weiter Schritt. Und ganz ehrlich: Da müsste mensch schon ganz schön blöd sein, schließlich kann niemensch vorhersagen, wann die Dinger hochgehen.

Die Räumung der Barrikade dauerte den ganzen Nachmittag. Vier Menschen befanden sich darin. Eine Person hatte sich angekettet, in der Barrikade standen Tripods. Die Polizei musste eine Hebebühne einsetzen. Bei der Räumung ging die Polizei sehr fahrlässig vor – Sicherheitshinweise wurden ignoriert und dadurch auch das Leben der Aktivist_innen in Gefahr gebracht. Als direkt im Anschluss auch die Baumbesetzung geräumt wurde, war es bereits Dunkel. Von den drei Personen auf den beiden Eichen hatten sich zwei angekettet. Zwei Hebebühnen kamen zum Einsatz. Die Polizei benötigte etwa zwei Stunden, um die Räumung abzuschließen.

In den Abendstunden umstellten währenddessen mehrere Hundertschaften die Wiesenbesetzung in der Nähe von Morschenich und durchsuchten diese. Dabei wurden zwei weitere Menschen festgenommen und eine größere Unordnung angerichtet. Beschlagnahmt wurden nur wenige, vom Staat als illegal kriminalisierte, Gegenstände, allerdings nichts für uns wirklich relevantes. Nebenbei wurden ein Handy, ein MP3-Player und ein Navigationsgerät von den durchsuchenden Polizist_innen gestohlen.

Die Festgenommenen wurden im Anschluss in die Gewahrsamsstellen Düren, Jülich, Aachen und Kerpen gebracht. Die Festnahmegründe setzten sich aus „Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz“, „(schwerem) Landfriedensbruch“, „Nötigung“, „(schwere) Körperverletzung“ zusammen. Die Mehrzahl der Menschen blieb etwa 24 Stunden (bis Freitagabend) in Gewahrsam. Eine Person wurde nach Aachen verbracht und sitzt dort in U-Haft. Ihm_ihr gilt unsere volle Solidarität! Wir werden uns um eine tragfähige Unterstützung des_der Gefangenen aus der Besetzung kümmern.

Auch im Gewahrsam wurde weiter Repression gegen Aktivist_innen angewendet. In Düren gab es sechs erzwungene DNA-Abnahmen. Darüber hinaus wurde der Kontakt zu Anwält_innen verweigert und mit massiver Gewalt die Abgabe von Fingerabdrücken erzwungen (jeweils in verschiedenen Fällen). Sämtliche Kletterausrüstungen, ein Rucksack, dazu einige Handys und mp3-Player, die sich im Besitz der Menschen befunden hatten, wurden einbehalten. Vor der Wache in Düren gab es eine Solidaritätskundgebung. Freitagabend waren fast alle Leute wieder draußen, die Abholung klappte sehr gut. Auch von Passant_inne gab es immer wieder spontan Unterstützung.

Zusammenfassend betrachtet hat der Staat auf eine neue Ebene der Aktion im Hambacher Forst sofort mit höchst umfangreicher Repression reagiert – indem für einen kompletten Tag annähernd alle, die sich im Gebiet Hambacher Forst aufhielten, verhaftet wurden, und alle pauschal der festgestellten „Straftaten“ beschuldigt wurden, egal, ob es dafür einen konkreten Anhaltspunkt gab oder nicht. Es ist wichtig festzustellen, dass dies nichts mit der Verfolgung von Straftaten zu tun hat – das ist für den Staat Nebeneffekt. Durch Durchsuchungen, Massenverhaftungen, Misshandlungen, Beschlagnahmen, wird ein realer Schaden an uns bewirkt – sowohl praktisch als auch psychisch.

Wie wohl allen klar ist, werden wir uns davon nicht einschüchtern lassen. Der Hambacher Forst bleibt eines der wichtigsten Kampfgebiete gegen die globale Erwärmung. Der Donnerstag hat bei uns auch viel Wut entstehen lassen. Es wurden neue Methoden erprobt, die im Kampf gegen diese umfassende Zerstörung durchaus angemessen erscheinen. Aber auch für weniger eskalative Aktionsformen ist im Wald immer noch Raum – das Gebiet ist groß, das Gemisch an Aktivist_innen bunt, und die Möglichkeiten, RWE zu Fall zu bringen, zahlreich!

FREIHEIT FÜR ALLE POLITISCHEN GEFANGENEN!
HAMBACHER FORST BLEIBT!


6 Antworten auf „Der Donnerstag aus unserer Sicht“


  1. 1 Peter Illert 01. November 2014 um 16:53 Uhr

    Das mit den Knallkörpern kenne ich noch aus der Zeit der Autonomen. Die Dinger hören sich beeindruckend an, sind stärke-simulierend psychologisch wirksam, aber bringen ansonsten wenig. Sie sind als Mittel des Umweltprotests halt grade mal „nachhall-tig“. Vor allem ersetzen sie nicht die Präsenz einer grösseren Anzahl Leute , die für wirksamen Protest wünschenswert wären…..

  2. 2 Andreas 02. November 2014 um 10:08 Uhr

    Immerhin ging die Sache nochmal intensiv durch alle Medien. Sogar gabe es einen großen Artikel für das manipulierte Wahlvieh in der Blödzeitung. Zeitverschwendung auf den einseitigen Inhalt näher einzugehen, denn er war nicht anders zu erwarten. Allerdings wenn auch Radionachrichten z. B. WDR2 genauso einseitig nur die Polizeidarstellung wiedergeben, ist das schon bedenklich und sollte zur Gebührenverweigerung Anlass geben.

    Deutschland hat eben genau die Medien und die Poltiker und den Bundespräsi, die/den dieses ach so aufgeklärte und demokratische Volk verdient.

    Wenn Hooligens eine Demo genehmigt bekommen und sich hinterher alle wundern, dass dann auch Hohligens kommen und die entsprechende Randale machen, ist das wieder typisch dafür, wie der rechtsradikale Mob unterschätzt wird. Und ein Bundespräsident Gauck hat nicht Besseres zu tuen als die Linke als undemokratisch zu kritisieren.

    Soviel Dummheit auf höchster Ebene lassen sich nur Deutsche gefallen.

  3. 3 si 03. November 2014 um 13:18 Uhr

    danke daß ihr eine etwas korrigierte fassung nun des ablaufs wiedergegeben habtb (also feuerwerkskoerper und pfefferspray eurerseits auch eingeräumt habt) – so bleibt eigentlich nur bei dem hin und her „wer hat zuerst angefangen“ und “ der andere hat aber doller zugeschlagen“ nur meine weitere sympathie und (grundsätzliche) solidaitär für euren einsatz … etwas irritiert bin ich allerdings noch beim slogan “ efanfreiheit für alle politischen… gefangenen“ – aber ich muss euch ja nicht gleich liebhaben

  4. 4 Kay Löffler 04. November 2014 um 21:21 Uhr

    Danke für diese Gegendarstellung zu den Presseartikeln. Sie ist ja fast erfreulich sachlich, mal abgesehen davon, dass unbedingt eine Beleidigung („Bullen“) rein musste. Dass ihr aber allen politischen Gefangenen -also auch z.B. der NSU – Freiheit wünscht und „eskalative Aktionsformen“ als Möglichkeit seht… Nun gut. Ich muss euch ja nicht alle liebhaben :-)

    (Jedenfalls ict mein erstes Gefühl: Etwas beruhigter)

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  2. 2 zwei Aktivisti aus dem Hambacher Forst in der JVA Aachen « antirrr Pingback am 20. November 2014 um 19:36 Uhr
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