Von TIM

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Ein Dreiteiler über Bäume, luftige Höhen, eine Räumung und darüber, was ich damit zu tun habe. All dies geschah vor nicht allzu langer Zeit in den Bäumen des Hambacher Forst bei Köln. Der kommende Text soll Menschen einen Einblick in meine Gedanken, Gefühle und Emotionen ermöglichen. Einen Einblick in eine Situation, in der ich mich befand und wie sie zu Stande kam.

Der Hambacher Forst.

Der Hambacher Forst gehörte mit seinem einzigartigen Ökosystem zu den letzten großen Mischwäldern in Mitteleuropa. Von seinem ursprünglichen 5.5oo Hektar sind heute noch nicht einmal mehr 1.000 Hektar vorhanden. Der Wald wird von RWE, einem der größten deutschen Energiekonzerne, abgeholzt. In den kommenden Jahren soll er ganz dem Braunkohle-Tagebau Hambach weichen. Der Hambacher Forst, einst Bürgewald genannt, hat eine über mehrere Jahrhunderte alte Geschichte. Mit seiner einzigarten Vielfalt an Flora und Fauna bietet er vielen Lebewesen ein zu Hause. In den jetzt noch stehenden Resten finden sich Stieleichen und Rotbuchen, die über 200 Jahre alt sind. Er bietet vielen Zugvögeln jedes Jahr einen Zwischenstopp und wird von Waldkäuzen, Fledermäusen und Haselmäusen bewohnt.
Der Tagebau Hambach ist mit seiner Größe von ca. 8×10 Kilometern und einer Tiefe von fast 500m der größte in Europa. Das gesamte Rheinische Braunkohlerevier umfasst 3 Tagebauten und mehre Kohlekraftwerke sowie Kohleveredelungsanlagen. Sie verarbeiten jährlich ca. 100 Mio. Tonnen Kohle. Für die Braunkohleförderung mussten in den letzten 70 Jahren über Tausende ihre Dörfer verlassen und weitere Dörfer stehen vor der Zwangsumsiedlung.

Teil 1.
„Der Anfang“

Vögel fliegen am Fenster vorbei. Der Wald erwacht aus seinem Monate lang erscheinenden Winterschlaf. Die ersten Bäume fangen an, ihre Blätter zu zeigen. Das Leben am Waldboden ist im vollen Gange. Ameisenstraßen bahnen sich ihren Weg zu Tausenden durch das Laub, über Totholz und an den Baumstämmen in die Höhe. Kräuter mit saftigen, grünen Blättern schießen überall aus den Boden. Schneeglöckchen bilden einen grünen Teppich mit weißen Blüten.
Es ist der 27. März 2014, wir liegen im Bett und rauchen gerade die erste Zigarette des Tages ca. 20 Meter über dem Boden in einem mit Stroh isolierten Baumhaus in Monkey Town im Hambacher Forst. Unser Zuhause ist eine ca. 200 Jahre alte Rotbuche mit dem Namen Testimo. Wir genießen die Strahlen der Sonne, die durch das Fenster auf uns herabfallen.
Wir vernehmen leise und stumpf klingende Stimmen unter dem Baumhaus. Ich schaue aus dem Fenster und sehe…….Polizei , RWE.
Sie ziehen durch den Wald und sperren großflächig den Bereich um die Baumhäuser ab.
“Räumung!”, schießt es durch die Synapsen meines Kopfes. Mein Puls fängt an zu rasen, ich zittere, kann keinen Gedanken fassen. Gelähmt in einem mir kurz scheinenden Moment. Heute soll es soweit sein. Sieben Monate lebe ich hier in den Bäumen und heute soll es zu Ende sein. Schluss, aus und vorbei. Ich fasse meine derzeitigen Gedanken und drücke sie weg. Nach draußen, telefonieren, Funkgerät einschalten, Anwalt und Presse kontaktieren. Du musst frühstücken und trinken jagt es mir durch den Kopf. Ein wenig Müsli, Tee, der letzte Kaffee und eine Zigarette hier oben in Testimo. Die anderen Bäume kommunizieren uns die selben Gedanken. Heute wird geräumt.
Polizistinnen ziehen in ihren Zügen, wie Ameisen wirkend von hier oben, gehörig in Reih‘ und Glied durch den Wald. Ich lege mir die vorgefertigten Handfesseln an meinem linken und rechten Arm . Suche Teddy und verwahre ihn nach kurzem Knuddeln in meinem Rucksack. Alles, was in meinen Rucksack passt, wird reingestopft. Die Regensachen, Teller, Besteck, Taschenlampe, das kleine Stopp-Kohle-und-Atom-Transparent von der Wand, bis hin zu meinem Lieblingsbeil und Latthammer. Den für die Räumung zusammen gepackten Rucksack ziehe ich unter dem Bett hervor und kontrolliere seinen Inhalt: Wasser, Schokolade, Nüsse, Obst, Geld für zwei Anrufe aus der Polizeiwache oder dem Gefängnis, Handynummern, dicke Klamotten und Handschuhe.
Das kann ein langer Tag werden, denke ich mir. Desweiteren kann es noch dauern, bis die Polizei hier auf 20m Höhe ankommt. Kletterpolizist_innen kommen mit ihren herausstechenden Uniformen sowie Ausrüstungsgegenständen auf Testimo zu.
Meist sind sie schon mit einem Gurt bekleidet, haben einen festen ohne Visier bestückten Schutzhelm auf dem Kopf oder haben erstmal nur ihren Ganzkörperoverall an. Vom Bundesland sowie Polizeieinsatzbereich abhängig unterscheiden sich auch oft Farbe und Beschriftung der Uniformen.
Sie stehen jetzt schräg unter mir und beratschlagen sich bestimmt, wie sie es jetzt am besten anstellen, zu uns rauf zu kommen.
Aus der Funke spricht eine Stimme und informiert uns, dass sich gerade schweres Gerät seinen Weg durch den Wald bahnt. Es dröhnt und knackt, als sie die Wege planieren und auffüllen. Sie bereiten so den Waldweg für andere Maschinen vor, damit diese sie befahren können. Das Geräusch der Fräse, einiger Kettensägen und das Rattern von Maschinen nehmen wir im Hintergrund wahr. Sie machen alles dem Erdboden gleich, um eine passende Startposition für die Hebebühnen zu schaffen. Ich sehen nur wenig, da sich alles bisher im vorderen Bereich von Monkey Town abspielt. Mehrere Augen berichten mir über Funk, was sich in dem, für sie sichtbaren Bereich abspielt oder was sie hören. Forstarbeiterinnen fräsen die Buchenhecken um die bewohnten Bäume um, fällen Bäume um neue Wege und Flächen zu schaffen. Drei Hebebühnen werden vorgefahren und aufgebaut.
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Es wird sich so langsam auf den eigentlichen Einsatz vorbereitet, die drei Personen im vorderen Bereich von Monkey Town aus den Bäumen zu holen.
Ich schaue aus dem Fenster, blicke auf die Äste und Zweige von Testimo. Die Sonne wärmt mich und lässt mich kurz vergessen, dass unter mir hunderte von Polizistinnen stehen, unterstützt von riesigen Maschinen und Gerätschaften, um ein Ziel zu verfolgen: uns mit allen Mitteln hier raus zu holen.
Die Technische Einheit der Polizei macht sich auch so langsam bereit. Diese wird meist zum Knacken von Lock-Ons, das heißt Vorrichtungen, an denen sich ein Mensch festketten kann, Einreißen von Hütten sowie zum Fahren von Maschinen wie Hebebühnen, verwendet.
Wir hören noch, wie uns gesagt wird, dass sie dabei sind, in die ersten Bäume hochzusteigen und kurz darauf Funkstille. Das war das letzte, was wir von den drei Baumbewohnerinnen im vorderen Bereich von Monkey Town gehört haben.
Wir können jetzt nur vermuten, was dort geschieht. Das dröhnen von Kettensägen und anderem Werkzeug dringt durch den Wald bis hin zu Testimo.
Eine Fräse auf Ketten bahnt sich ihren Weg zu uns hin. Sie zerstückelt alles, zerkleinert Wurzeln, Lebewesen und ihre Behausungen. Eine Schneise der Vernichtung wird erst zu Testimo, danach in Richtung des zweiten Baumhauses in ca. 150m Nähe gefräst. Ich sehe, wie Forstarbeiterinnen mit Kettensägen bewaffnet Bäume, die sie hindern, verstümmeln, umsägen und zerstückeln.
Ich mache mich auf den Weg in die Krone über mir, um ein Metallrohr, die Hängematte und Windschutz anzubringen. Dies tue ich auf 25m über den Boden.
Immer wieder tauchen Polizistinnen unten auf und beraten sich.
Als ich alles erledigt habe, klettere ich wieder zum Baumhaus hinab. Wir sitzen zusammen, essen Schokolade und hören Musik, als uns eine Idee durch den Kopf schießt. Diese wird gleich umgesetzt. Wir kombieren das Mikro von dem Megaphon mit der Box von einem Radio mit Hilfe von Gaffer, einem stabilen Allzweckklebeband. Dann richten wir das Megaphon zu den anderen Bewohnerinnen in den Bäumen. Zwischendurch werden die Forstarbeiterinnen und Polizistinnen direkt mit Hilfe des Megaphons angesprochen. Schon bekannte RWE-Mitarbeiterinnen bekommen Pfiffe und die Sirene zu hören. Meistens endet dies mit Antworten wie: “Wir kriegen euch schon”, lachen, “Ich befolge meine Befehle und Anweisungen“ ,sowie irgendwas mit “Dies ist Eigentum von RWE”.
Ok. Das mit dem Hirn abschalten und alles nachplappern scheint mir hier ein weit verbreitetes Problem heute zu sein. Gleichschaltung des Denkens, alles andere wird geräumt, umgesiedelt, verhaftet oder eingesperrt. So wie ich gerade. Ich passe nicht in das Schema. Springe aus der gesellschaftlichen Logik heraus. Stelle mich quer. Bin unbequem.
Ich sitze auf dem Balkon und im Hintergrund spielt die Musik. Schaue dem Treiben unter mir gespannt zu. Rufe den Polizistinnen unter mir zu, dass sie noch eine Nackenverspannungen bekommen, wenn die so weiter zu mir rauf schauen. Ja, ich hier oben, ihr da unten.
Schon eine andere Sicht. Ich schaue auf euch herab. Trotz der Situation ,genieße ich die Aussicht um mich herum, die Bäume, die sich tagtäglich verändern. Klettere in meinen Gedanken hoch in die Krone, zu dem Ort, wo sich das Metallrohr befindet.
Während der ersten Tage der neuen Waldbesetzung Anfang September 2013, kurz nach dem Klimacamp in Manheim, einem Dorf, das dem Tagebau Hambach ebenfalls weichen soll, hatte ich ein längeres Gespräch mit Aktivistinnen aus vielen Teilen der Erde. Wir redeten über Sich-Festketten und die daraus bereits entstandenen Erfahrungen. In diesem Gespräch stießen wir auf dem Begriff “Liebe” und diese zur Natur zu zeigen. Ich meinte, dass Festketten auch Liebe sei. Das Gefühl, mit etwas verbunden zu sein, mitzufühlen und etwas zu schützen.
Es war eine längeres und sehr interessantes Gespräch, voller Liebe, Hingabe und Romantik. Dies an einem Ort wie dem Hambacher Forst, der neuen Besetzung. Das Gefühl, etwas hier gerade in diesem Augenblick zu bewegen. Da kam das Wort Testimo. Es bedeutet soviel wie “In Liebe” im katalanischen. Ein Wort, das beim Aussprechen Ruhe und Ernsthaftigkeit zeigt, stehend für Hingabe und vieles mehr. Es wurde dieser Begriff in den kommenden Tagen oft verwendet. Am letzten Tag vor der Abreise schrieb mir eine der Personen “Testimo” auf mein Metallrohr. Seitdem habe ich das Rohr an mir getragen und wusste, ich werden es benutzen, wenn der Tag kommt.
Mit dem Gefühl “Ich liebe die Natur, bin ein Teil von ihr und was du liebst, zerstörst du nicht” ging ich durch die Monate. Es ließ mich nicht los. Jeder Tag war ein neuer. Hier im Wald ist immer etwas los, ich muss nur meine Augen aufmachen, den Klängen lauschen und mit der Hand den Baum berühren. Ich habe eine Verbindung mit meiner Umgebung aufgebaut, erkunde sie, bewundere und respektiere sie.
Das Dröhnen und Krachen der zu Boden fallenden Bäumen, löst immer wieder einen unangenehmen Impuls meiner Nervenbahnen im Körper aus, der vom Fuß ausgehend über den Rücken in die Arme wandert.
Eine auf Ketten fahrende Hebebühne macht sich auf dem Weg zum zweiten besetzten Baum neben mir. Dieses Baumhaus befindet sich noch im Aufbau und besteht derzeit aus einer Plattform.
Zwischen diesem und Testimo wurden spezielle Seile, teils Walkways und teils Traversen gespannt. Diese ermöglichen uns das Hin- und Her bewegen zwischen den einzelnen Bäumen, ohne auf den Boden zu müssen. Ein sozusagen eigens geschaffenes Netz aus Wegen und Plattformen. Insgesamt wurden in dem hinteren Bereich von Monkey Town sechs Bäume erklommen, um eine Verbindung zwischen der Plattform und Testimo zu schaffen. In dem Baum auf halber Strecke hängen Stämme für eine weitere Plattform.
In diesen wird gerade von Kletterpolizist_innen mit Hilfe von einer großen Zwille (Bigshot) ein Seil geschossen. Nach mehrmaligem Probieren hängt das Kletterseil und ein Polizist macht sich an dem Aufstieg. Oben angekommen kappt er die Walkways, sowie die Material Schlingen, an denen die Baumstämme hängen. Es regnet Baumstämme und Seile.
Ein mit Steigeisen (mit Metallhacken bestückte Schuhe) ausgerüsteter Kletterpolizist macht sich auf dem Aufstieg, direkt an dem Baum neben Testimo, um uns den letzten Walkway zu kappen. Damit besteht nicht mehr die Gefahr, dass wir in andere Bäume klettern werden. Die zweite Bewohnerin macht sich auf dem Weg über den Walkway, um den Polizist in Empfang zu nehmen. Sie reden lange. Verständnis, aber unterworfen dem Chef und der Stadt gegenüber. Die meisten der Polizistinnen sind nicht das erste Mal im Hambacher Forst im Einsatz. Seit dem am 14. April 2012, als die ersten Aktivistinnen während des “Wald-statt-Kohle”-Fests die Bäume erklommen haben, kam es zu unzähligen Einsätzen. Sei es wegen Schienenblockaden, weil bis zu Hunderte von Menschen sich auf die Gleise der Kohleeisenbahnstrecke setzen.
Wegen immer wieder stattfindenden Camps, Konzerten oder anderen Veranstaltungen.
Oder als Unterstützung bei der Beseitigung von immer wieder neu errichteten Barrikaden auf den Waldwegen.
Zur Durchführung von Durchsuchungen oder wie jetzt die Räumung der 3. Waldbesetzung.
RWE und ihre Anhängerschaft brauchen ihre Unterstützung, denn sie selbst trauen sich selten alleine durch den Wald oder in die kommenden, vom Bagger zufressenen, Dörfer. Sie wissen, dass ihnen die Gegend hier nicht wohl gesonnen ist, dass ihnen kein fruchtbarer Boden bereitgestellt wird, damit sie ihn verderben können. Sie, der Grund für lebensfeindliche Verhältnisse.
So können Probleme schnell aus dem Weg geschafft werden, wenn Menschen gleichzeitig von RWE, Polizei und Politik Geld kriegen und mitreden. Genauso wie die, die von ihnen geschaffene Zerstörung von Leben, mit der Schaffung von künstlichen „Fakten“ totschweigen. Sie propagieren die Sicherung von Arbeitsplätzen aber hinterlassen einen toten Planeten. Sie sagen wir sollen arbeiten gehen um die Familie zu ernähren und den Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Dass sie selbst diese Erde für uns, unsere Kinder und deren aller Kinder vergiften und zerstören, erwähnen sie mit keinem Wort. Es ist ein schleichender Mord, den ihr an euch selbst und noch mehr an denen nach euch verursacht. Keine Jobs auf einem toten Planeten.
Liebe Gewerkschaftlerinnen, Genossinnen, die sich immer noch an das Großkapital, sowie die SPD klammern.Ihr erinnert euch, als zwischen 1919 und 1933 die Räder der Fabriken und Zächen still standen und die SPD den Schießbefehl sowie Reichswehr einschreiten Ließ. Mehrer General und Politische Streiks zeichneten diese Zeit, bis sie Hindenburg die Macht gaben der den schließlich Hitler ernente. Die Forderungen waren „Weniger Arbeit für alle“. Heute lautet sie „Mehr Arbeit für alle“. General-und Politische Streiks sind seit dem Verboten in Deutschland. Würde die alte Forderung Ausgerufen und erkämpft, dann hättenen alle Zeit für sich, der Familie, die Kindern, sich zu beschäftigen und zeit gemeinsam den Hambacher Forst zu erkunden.
RWE ist verantwortlich für bleibende gesundheitliche Schäden. Sei es durch die Feinstaubbelastung, die erhöhte Radioaktivität und den psychischen Druck den sie auf betroffene Menschen ausüben. RWE ist verantwortlich für Schäden an den Häusern durch das Abpumpen des Grundwassers, für Verminderung der Lebens- und Wohnbedingungen. Ebenso wird die Existenz von zahlreichen Bäuerinnen durch das großflächige Abpumpen des Grundwasser bedroht. Da beschweren sich sogar die Bäuerinnen in Belgien. Überlegst du dagegen zu, klagen wird es durch die gerichtlichen, lang andauernden Verwaltungsakten manchmal Jahre kosten bis ein Urteil gesprochen wird. Dadurch wird das Handeln von Betroffenen erschwert und meistens unmöglich gemacht. Gutachten erstellen von RWE bezahlte Prüferinnen. Diese bezeichnen die Staubbelastung als völlig unbedenklich. Schäden an Ökosystemen werden als „Im Rahmen“ dargestellt. Bei erhöhten Schwermetallwerten soll/braucht Mensch sich keine Sorgen zu machen, denn der Grenzwert wird angepasst.
„Ihr habt doch selber nen Bergbauschaden”, antworteten Anwohnerinnen bei einer Veranstaltung zum Thema Bergbauschäden mit Vertreterinnen von RWE. Zahlen verdrehen, Statistiken gestalten und dies in Dimensionen angeben, dass ich mir dies selten Vorstellen kann. Schaut euch das Loch hier an. Dass das nicht ohne Folgen ist, ist doch klar.
Unter mir wird die auf Ketten fahrende Hebebühne positioniert. Sie wird mehrmals umgestellt sowie ihre Stützauflageflächen verändert. Es scheint, als hätte sie ein paar Probleme. Da fängt wohl das Gerät an zu bocken. Eine Technikerin wird ran geholt. Dies sind Probleme im Betriebsablauf wie ich sie begrüße. Wir steigen aufwärts in Testimos Krone. Es mag an die 15 Grad sein. Die ersten Kletterpolizistinnen stellen sich für den Aufstieg in die Kabine am vorderen Ende der Hebebühne auf.

Monkey Town

Eine kühle Briese streift durch mein kurzes Haar. Die Krone schaukelt ruhig und sanft. Ein letzter Blick in Richtung der künstlich aufgeschütteten Sophienhöhe, die aus den letzte Resten des Waldes empor ragt. Mit ihren Absetzern, die den sogenannten Erdabraum aus dem Tagebau Hambach zur Sopienhöhe aufschütten. Die zwei großen Bagger mit ihren hohen Türmen, die auf der ersten Kante des Tagebaus tagtäglich die Erde fressen, egal ob Wald, Straße oder Dorf. Alles verschwindet ins Nix. Nur alte Karten, Straßenschilder oder Straßen, die auf einmal im Nichts enden, erinnern noch an die ursprünglichen Orte.
Gegen dies stelle ich mich, deswegen bin ich hier und werde dies jetzt tun. Ich stecke beide Arme um den Baumstamm in das Metallrohr. Testimo mein Freund.
Klack macht es und das Schloss ist zu.

Teil 2.
„Gebunden“

Ich sitze aufrecht in meiner Hängematte, mit beiden Händen in einem Metallrohr um den Baum Testimo, in dem ich lebe, 25 m über dem Boden festgekettet. Die Befestigung meiner Sicherung liegt zwei Meter über meinem Kopf in Testimos Krone. Mit dem Arsch Richtung Tagebau und vor mir den Kirchturm des Dorfes Buir. Mich wärmt ein BW-Schlafsack mit integrierten Ärmeln und Füßen sowie dazugehörigem Wind- und Regenüberzug. Dicht hinter mir sitzt die zweite Baumbewohner_in und versorgt mich mit Wasser, Schokolade oder einem Stück Obst. Mit Testimo verbunden sitzen wir hier oben, blicken über die Kronen und betrachten das Treiben am Boden. Ich bin nicht mehr nur ein Besetzer, ich bin ein Bewohner des Waldes, der Natur. Im Kreislauf, nicht außerhalb. Wenn er gefällt wird, werde ich mit gefällt. Es wurde viel geredet, jetzt ist Schluss. Wir zeigen unsere Entschlossenheit.
Ihr da unten an den Absperrungen, ihr, die gerade zu uns hinaufruft, ihr, die die Pressearbeit leistet und den Internet-Blog aktualisiert, Bienennester in die RWE-Zentralen werft, Tee und Suppe zu uns bringt, den Internet-Blog gespannt mit Tränen und Texten fült, gerade vor Wut auf die Straße geht, uns Eure Solidarität bekundet. Danke! Dies zu wissen hält uns stark.
Ich würde euch zuwinken, meine Freude zuschreien, mit euch telefonieren. Dies kann ich aber gerade nicht. Ich habe mich aus Liebe und Achtung gegenüber dem Wald an Testimo gebunden. Für den Kampf, der mir hier oben noch bevorsteht, muss ich meine Energie und Sprache sparen.
Ein Knacken und das Geräusch von zerberstendem Holz schallt durch den Wald. Der Stamm vibriert. Soeben wurde eine der im vorderen Bereich stehenden großen Bäume ermordet. Wut. Mein Blut kocht. Mir fließen die Tränen. Ich schreie laut. Ein Freund ist tot, ermordet, über 15O Jahre mag er schon gewesen sein. Die Trauer und Tränen zeichnen die kommenden Minuten. Das Leben im Wald hat mich verändert. Hier wird Dir keine Feindschaft entgegen geschmissen, er schenkt Dir Sauerstoff, Essen, Leben. Er wirkt ständig auf mein Wesen und beeinflusst, sensibilisiert meine Wahrnehmung, sagt „Achte auf das, was hier passiert, schaue und lerne. Du bist willkommen.“ Der Schmerz, nun einen Freund verloren zu haben, treibt neue Tränen in mein Gesicht. Ich denke an Testimo, der heute oder spätestens in zwei Jahren den hier stattfindenden Raubbau nicht überleben wird.

Monkey Town

Er ist hier fest verankert, kann nicht abhauen, umgesiedelt werden, so wie die Menschen in den Dörfern oder wie ich, der hier oben sitzt. Er wird sterben. 200 Jahre stand er hier und bald wird er in Minuten ermordet, dann zerstückelt, nummeriert und verkauft, um ihn dann weiter zu zersägen, zu verarbeiten und mit einem Preisschild zu versehen. Beim Raumausstatter rumzustehen, ein Objekt, ein Warengegenstand, Baumaterial oder Brennstoff.
Mein Freund.
In der Kabine der Hebebühne kommen so langsam zwei Polizistinnen hochgefahren. Sie fragen, wie es uns geht. „Beschissen“, schließlich seid ihr ja da. Die Bütten von RWE. „Andere Frage, wie geht es euch körperlich?“ „Na, wir hängen hier ab.“ Ein Polizist steigt aus der Kabine und klettert langsam zu uns hinauf.
Als er auf unserer Höhe angekommen ist, macht er die Plane, die mich vor dem Wind schützt, zur Seite. Er schaut sich kurz das Metallrohr an, was sich zum Teil noch in der Tragetasche befindet und mit Schlingen am Baum gehalten wird.
Wir weisen ihn darauf hin, dass ich mit der Krone des Baumes über mir gesichert bin und dass falls sie die Überlegung haben, die Krone so rauszuschneiden oder alles im Weg stehende für die Bühne einfach weg zu sägen, werde ich aufgrund meiner Verankerung im Metallrohr mir beim Fallen mindestens beide Arme brechen.
Was ich hier tue, habe ich mir im Voraus gut überlegt, habe mich darauf vorbereitet und geübt. Mental und körperlich versuche ich Ruhe, sowie innere Stärke zu finden, mich nicht provozieren zu lassen und meine Aufgabe nicht zu vergessen, die bestimmte und ausgewählte Aufnahme von Wasser und Lebensmittel, bevor die Polizei sie mir entzieht. Training der Muskulatur und Bewegungsabläufe, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Damit die Beine nicht taub werden, drücke ich sie öfter durch oder Stämme oder gegen etwas. Meine Hände presse ich zusammen und öffne sie wieder. Das Schlimmste ist aber, Ruhe und Fassung zu bewahren wenn Du ausgelacht oder beschimpft wirst oder sie sagen, sie seien auch gegen RWE, aber machten jetzt trotzdem diesen Unsinn. Im Ernstfall spielt soviel eine Rolle, was auf dich wirkt, deine Kraft und Stärke raubt, das psychische und das körperliche Befinden einzuschätzen. Die Länge, in der Du in dieser Position bei der Räumung ausharrst, das Wetter sowie das Vorgehen der Polizistinnen. Des weiteren, die Tatsache, dass ich keinen Schlüssel habe, um im Notfall das Schloss selbst öffnen zu können. Wir nehmen uns aus folgendem Grund absichtlich die Möglichkeit, das Schloss im Notfall öffnen zu können. Würden die Polizistinnen erfahren, dass wir uns hätten befreien können, würden sie bei zukünftigen Ankett Aktionen uns wahrscheinlich quälen, bis wir aufgeben und uns selbst befreien. Ich werde mich ganz darauf einlassen. Sei es, dass ich hier ohnmächtig werde, runter gesägt werde oder sonstwas.
Einige sagen, das sei Unsinn, so weit zu gehen. Für mich nicht. Für mich macht es Sinn. Ich weiß, dass ich alles in meiner Kraft stehende tun werde, um diesem System ein Ende zu bereiten. Ich habe diese Form der Aktion gewählt, denn im Augenblick scheint mir nichts anderes mehr zu bleiben. Ich werde so zu verstehen geben, wie wichtig es mir ist. Mein Drang von der Natur zu lernen, zur Liebe und zum leben bestärkt mich. Ihr geht mit der Erde um, als gäbe es eine Zweite. Alles wird verwertet, worin Profit gesehen wird. „produktiv“ oder „unproduktiv“ sind die Stempel in den Köpfen dieser Zeit. Alles hat einen Warenwert, kalkuliert, berechnet, eine Nummer im System. Es sterben an den Grenzen um Europa täglich Menschen. Wir bauen diese Grenzen. Menschen verhungern und werden ermordet. Wir betonieren ganze Ökosysteme, stellen Teile dieser in Zoos aus und nennen das Artenschutz. Ich weiß nicht, wie ich den Menschen verdeutlichen soll, Konzerne und ihren Raubbau sichtbar zu machen. Ich werde alles Mögliche tun, um mich ihnen in den Weg zu stellen, zu sagen “Stopp, hier nicht weiter!” Ich werde mein Leben riskieren. Ja, dies ist meine Entscheidung.
Der_die Polizist_in steigt in Richtung des Baumhauses ab. Immer mehr Polizistinnen werden mit dem Hubsteiger hinauf gebraucht.
Sie schauen sich das Baumhaus genauer an, inspizieren das Innere und bekunden ihren Respekt vor diesem Bauwerk. „Scheint mir gemütlich zu sein” und “sogar mit Holzofen” sind einige der Sätze, die sie in unsere Richtung abgeben.
Jedes Baumhaus ist einzigartig und wird mit Rücksicht auf die Gegebenheiten und Wuchseigenschaften jedes Baumes erbaut. Das Baumhaus in Testimo hatte zwei Etagen. Auf ihnen fand mit ca. 8 m² viel Leben in den letzten Monaten statt. Es beinhaltet eine Küche, einen Balkon, einen Holzofen und ein gemütliches Bett. Die Wände, das Dach und der Fußboden sind mit Stroh isoliert. Fenster ringsherum geben einen eindrucksvollen Ausblick auf den Wald und sein Leben. Den schönsten Garten, direkt vor der Haustür.
Die zweite Hebebühne wird langsam in Position gebracht. In der Kabine machen sich drei Polizistinnen für den Aufstieg bereit. Sie haben Werkzeuge wie Sägen, Brechstangen und Kettensägen geladen. Alles, was ihnen und der Hebebühne im Weg scheint, wird kurzerhand mit der Kettensäge entfernt. Das Sägen in den Ausläufern von Testimo spüre ich im Metallrohr. Es schmerzt mich wie eine Verletzung an meinem eigenen Körper. Sie verstümmeln ihn. Mein Puls rast. Es kocht in mir. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Reg‘ dich nicht auf, Du brauchst deine Kraft noch. Wut, Hass, Angst in diesen Momenten zu kontrollieren ist das Schwierigste. Sie dürfen nicht Herr deines Kopfes werden. Ich muss stark bleiben, obwohl ich ausgeliefert bin. Ich bin festgekettet und sehe und höre, was fünf Meter unter mir passiert.
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Stunde um Stunde vergeht. Die Sonne zieht ihre Bahn. Sie reißen mein Baumhaus ein. Meine Wohnung, mein Zuhause der letzten Monate. Stück für Stück tragen sechs Polizistinnen es ab.
Das Dach einzureißen würde bei jedem normalen Haus einfacher sein. Ich habe in den letzten Monaten alle Winde und Stürme hier oben erlebt. Bis zu 120 km/h und es hat gehalten. Nichts ist gebrochen, runtergefallen oder drohte zu brechen. Es ist ein Baumhaus, es wird für so etwas gebaut.
Jedes für sich ist eine architektonische Leistung. Es beinhaltet Verständnis für Konstruktion und Bewegungsabläufe, desweiteren Kenntnisse über Knoten- und Wickeltechniken, da kein einziger Nagel in die Bäume geschlagen wird. Eine Bauweise, die im Stahlbeton-Denken schwer vorstellbar ist.
Ein starrer Baum würde brechen. Jedoch ein gesunder Baum mit Haus drin, der sich im Sturme wiegt, der bricht nicht. Als ich die ersten Tage im vollen Winde hier oben verbrachte, sah ich, wie das Baumhaus sich bewegte, sich hob und senkte, das Essen in den Regalen heraus fiel. Geräusche um mich herum, die ich nicht kannte.
Das wachsame Auge sieht, wie sich die Konstruktion verhält. Immer wieder raus gehen und schauen, wie sich der Baum verhält. Die Balken und Knoten regelmäßig überprüfen. Kleinere Reparaturen durchführen. Das Vertrauen zu der Konstruktion wuchs, wie das Sicherheitsgefühl beim Klettern im Gurt und beim Bauen. Spaziergänger verlaufen sich selten und treffen selten auf die Waldbesetzung. Meist suchen sie gezielt die Baumhäuser. Sie einmal gesehen zu haben und ein Foto zu machen. Ein eigenes Bild von dem Ort zu machen. Den Wald erkunden, sich ein kurzes Stück erholen, dem Trubel des Alltags entziehen, die Flucht in den Wald, raus ins Grüne treibt so manch einen in den Hambacher Forst.
Ich durchlebte mit Testimo das Blätterfallen im Herbst, den Frost im Winter und jetzt den Anfang des Frühlings.
Bei Wind und Regen fühlte ich mich in ihm sicher, wohl und geborgen. Und soeben wird mein Haus abgerissen und der Baum verletzt, getötet. Sie reißen alles bis auf die Plattform ab. Decken, Lebensmittel, Matratze, Glasfenster und der Ofen werden runter geschmissen. Hinter mir sitzt die gesamte Zeit die zweite Bewohner_in und zittert, weint leise und kocht vor Wut. Zwischendurch gibt sie mir Wasser zum Trinken und Nüsse zum Essen. Dicht an mir sitzend, stützen wir uns gegenseitig, schenken uns Kraft und das Gefühl, nicht alleine zu sein. Was im vorderen Bereich geschieht, wie es den anderen geht, und was außerhalb des Waldes so passiert, wissen wir nicht. Abgeschottet von der Außenwelt.
Hunderte Polizistinnen mit schweren Maschinen haben ein Ziel. Uns hier rauszuholen. Feuerwehr, Sanitäter und diese immer grinsenden Mitarbeiter von RWE. Sie können nur so stark sein, wenn sie ihre „Wachhunde“ von der Security dabeihaben oder Polizistinnen.
Alleine trauen sie sich nicht durch den Wald oder durch die Straßen der abzubaggernden Bereiche. Die Bosse verschanzen sich hinter Stacheldraht, Kameras, hohem Sichtschutz, Zäunen und Panzerglas.
Um ungestört ihren Raubbau an der Natur durchzuführen und ihre Geldgeschäfte auf dem Computer steigen zu sehen. Auf Landkarten neu Grenzen zu ziehen und darüber zu entscheiden, wie viele nun ihre Arbeit verlieren, um den Profit weiter in die Höhe zu treiben.
Eine riesige Maschinerie, die sich aufgebaut hat und mit unserem Leben verflochten ist.
Wir haben sie mit geschaffen, gestützt, gefüttert und konsumiert, also liegt es an uns, diese zum Einsturz zu bringen.
Die Sonne steht dicht über den Baumkronen des Hambacher Forst.Es wird allmählich dunkel. Seit heute Mittag hänge ich jetzt hier oben und warte darauf, dass sich die Polizei uns widmet. Die Polizei kommt mit Hilfe der Hebebühne an uns herangefahren. Sie teilt uns mit, das das Land NRW nicht mehr Geld/Zeit eingeplant hat für diesen Einsatz und sie nun abbauen würden. Taktik ?! Nach all den polizeilichen Einsätzen muss denen doch bewusst sein, dass sie nie wissen, was auf sie zukommt. Unkalkulierte Situationen waren bis jetzt immer vorhanden. Es hat immer länger gedauert, als geplant und dass sie uns nicht so einfach aus den Bäumen bekommen, das steht ja schon lange fest. Ich sage ihnen, dass es hierfür keinen Schlüssel gibt und wenn sie räumen wollen, müssen sie es durchziehen oder die Finger ganz vom Hambacher Forst lassen. Herkommen, alles einreißen, Bäume fällen, keinen Beschluss von einem Gericht, der Stadt Kerpen vorlegen, Testimo verstümmeln und dann wieder fahren. Sie kommen nicht drum herum: Sie werden auch mich herausholen müssen. Oft bekunden sie mir ihr Verständnis, dass sie Familie haben und sich auch Gedanken über die Zukunft machen. Das entschärfen die Situation nicht.
Ich habe Angst um meine Zukunft, um die Kinder, die einst geboren werden. Meine Mutter hat gerade in diesem Augenblick auch Angst um mich. Was bringt uns ein toter Planet, verseuchte Flüsse, abgeholzte Wälder und kaum Luft zum Atmen? Damit später einst die Menschen Wälder aus Videos kennen, Tiere weiter im Zoo bestaunen. Medikamente schlucken, um Krankheiten zu heilen, die noch keinen Namen haben? Das Ökosystem aus einem Buch lernen, die ausgerotteten und vom Aussterben bedrohten Arten …. .

Teil 3.
„Kein Ende in Sicht“

19 Uhr. Die zweite Aktivistin reißt die Polizei von mir weg. Wir erklären ihnen, dass sie für meine Versorgung von Wasser und Kontakt zu den Polizistinnen verantwortlich ist. Egal. Mehrere Polizistinnen packen sie und stecken sie in die Hebebühne. Die Taschen und Versorgungspackete sowie Wasser werden mit in die Kabine der Bühne verfrachtet. Alles kommt mit. Freundlich wirkend und ruhig sprechend aber mordsgefährlich. Alle Kletterpolizistinnen haben ihre Schusswaffe und Pfefferspray bei sich. Mit diesen schwarzen Gestalten, auf 25m in der Baumkrone von Testimo alleine.
Meine Kraft fängt langsam an zu schwinden. Ich rede mit den Polizistinnen und versuche soweit wie es noch möglich ist, meinen Körper zu bewegen. Die Arme werden langsam schlaff. Als erstes sichern sie mich um, damit sie an die Krone über mir kommen, um mich rauszuschneiden. Ein Polizist drückt mich näher an den Stamm, um so meinen Rücken zu entlasten der das Gewicht des Metallrohrs trägt.
Langsam arbeiten sie sich mit der Hebebühne nach oben und sägen sich ihren Weg frei. Die Sonne verschwindet hinter den Baumkronen und färbt dabei den Horizont rot-orang.

Auf der zweiten Bühne wird eine Art Scheinwerfer aufgebaut. Der sieht aus wie eine Kugel, aus der am unteren Teil Licht dringt. Dies wird „Moonlight“ genannt und meine Sicherung „Windel“ erklärt mir ein Polizist. Ich grinse und sage, dass ich auch eine Windel an habe. Die Temperaturen sinken und das Metallrohr kühlt langsam ab. Zum Glück habe ich den Schlafsack angezogen. Ich werde von den Polizistinnen um den Stamm gedreht. Zum einen, um mich direkt in eine Astgabel zu setzen und zum anderem die Ausläufer über mir absägen zu können. Alle Schritte, die sie vorhaben, werden mit mir kommuniziert. Es ist jetzt Nacht. Ich sehe vereinzelt Sterne und blicke auf die hell erleuchtete Sopienhöhe mit ihren Absetzern. Zuletzt habe ich heute Mittag auf sie geschaut. Am Boden werden überall Beleuchtungen aufgestellt. Polizistinnen , Sanitäterinnen stehen oder sitzen in kleinen Gruppen zusammen, unterhalten sich und schauen nach oben. Es wird immer kühler.
Mir wird Gehörschutz und ein Helm aufgesetzt. Dazu eine Decke darüber gelegt. Sie fangen über mir an, die Kronen Ausläufer Stück für Stück mit der Kettensäge ab zu trennen. Es vibriert, Späne fallen und ein strenger Geruch nach Abgasen liegt in der Luft. Äste fallen zu Boden. Lampenkegel streifen durch das Dunkle der Nacht. Generatoren rattern. Die zweite Hebebühne wird abgebaut, da diese sich in einem Bereich befindet ,wo einer der dicken Ausläufer von Testimo abgetrennt werden soll. Die Beleuchtung wird auf der Plattform unter mir aufgebaut. Nachdem die Bühne beiseite gefahren wurde, wird der Stamm durchgesägt. Es knackt, Holz berstet, indem Moment des kurzen Falls Stille und der Aufprall.
Weiter wird nicht mit der Kettensäge gearbeitet.
Es wird der letzte Ast, der im Weg ist, mit der Handsäge durchtrennt, ca. 20 cm von meinem Kopf entfernt.
Meine Kraft ist fast aufgebraucht. Arme und Beine fangen an zu kribbeln. Durchtreten der Beine, Bewegen der Zähen und Finger halten meinen Kreislauf weiter am Laufen. Meine Hand fühlt sich aufgeweicht. Der Korb der Hebebühne wir so nahe wie es geht an mich rangefahren. Ich werde über den Stumpf mit dem Metallrohr gehoben und in den Korb gesetzt. Sitzen bleiben-Kauerhaltung ( Fötushaltung ) einnehmen-ist mein Gedanke. Ein Polizist meint, dass ich aufstehen soll.
Ich verneine und sage, dass dies scheiße enden kann. Der Kreislauf ist runter, mehrere Stunden hängend in einer Position und dann schnelle hastige Bewegungen können zur Ohnmacht führen.
Die Bühne fährt langsam runter. Ich komme dem Boden immer näher. Sehe Kameras, Sanitäterinnen und die sich in Bewegung setzenden Polizistinnen. Ich blicke nach oben. Testimo, zerstückelt, stehend und trotzend wirkend. Am Boden angekommen, wird eine Trage ran gebracht und mich auf sie gelegt.
Foto blitze, Lampen und viele Gesichter starren auf mich herab. Ich merke, wie sie mich wegtragen und wieder absetzten. Sie betrachten mich, schauen und machen Fotos mit Kameras und Handys.
Ein Sanitäter setzt sich zu meiner Rechten und fragt, „wie es mir geht“. Ich erkläre ihnen das Kribbeln in meinem Händen und Füßen. Darauf macht sich die Technische Einheit vorstellig und begutachtet das Metall-Rohr und schickt eine Stab Kamera in das Rohr. Sie erklären mir den weiteren Vorgang. Als erstes werden mir auf der linken und rechten Seite zwei Edelstahlplatten reingeschoben. Diese dienen dem Schutze meiner Hand, wenn sie das Rohr mit einem Trennschneider aufmachen. Es werden mir Decken, Hörschutz und Sichtschutz aufgesetzt, über meinen Kopf eine weitere Decken gelegt. Dann wird der Trennschneider angeschmissen. Ein Geräusch …. Vibrieren, das ich nur schwer zu erklären vermag. Metall wird zerschnitten, Funken fliegen in das Metallrohr und es wird warm um die Hände.
Als sie sich ein Fenster freigeschnitten haben, ziehen sie die Kette raus, an der ich fest bin und trennen diese durch. Das Metallrohr wird mir abgenommen und die Handballen mit den Gipsfesseln kommen zum Vorschein. Die Gipsfesseln werden mir abgenommen.
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Es ist 21 Uhr und ich werde mit Ärzten und Polizistinnen zusammen in den Sanitätstransporter (von RWE) verladen. Es folgt eine holprige Fahrt durch den Wald.
In meinen Gedanken sitze ich immer noch in Testimo.
An der Autobahn Ab/Auffahrt nach Buir angekommen, werde ich in ein anderes Sanitätsfahrzeug verladen und die Fahrt geht weiter. Keine Ahnung wohin. Rechts von mir steht ein Polizist, der mich anstarrt und links ein Sanitäter, der wissen will wie ich heiße, usw. Ich werde in das Christliche Krankenhaus Frechen verschleppt.
Angekommen werde ich von zwei Kriminalpolizistinnen im Empfang genommen. Das Gefühl in Händen und Beinen kommt allmählich zurück. Ich ziehe mir den Schlafanzug und Klettergurt, den ich bis jetzt an hatte, aus. Ein Polizist folgt mir auf die Toilette und ein anderer bewacht den Ausgang.
Daraufhin geht es in einen Raum im Krankenhaus mit Bett, Lampen , Handschuhen, irgendwelchen Geräten und diesen beiden Polizistinnen. Sie bestehen darauf, mich in diesen Raum zu bringen. Im Aufenthaltsraum mit mir sitzen war nicht. Hätte auch etwas mit Sicherheit oder so zu tun. Nach einer gefühlten Stunde wird diesen beiden etwas ungemütlich. Sie drängen darauf, dass sich Ärztinnen um mich kümmern sollen.
Meine Kraft kommt wieder und mein Verstand und Zunge wird schärfer. Da ich auch aus Sicherheitsgründen nicht alleine meinen Becher mit Wasser füllen darf, schenken sie mir ein. Sie wirkten locker und eher zu den Silverlinnern der Polizei zu gehörend.
Eine Ärztin betrit hastig den Raum und scheint sehr gestresst. Sie bekundet mir und den Polizistinnen ihren Unmut über die „Besetzter“. Der Unmut beruht auf die vielen Einsätze, die schlechte Bezahlung, Überstunden und das Aktivistinnen ihren Namen nicht angeben möchten. Ich entscheid mich genauso und kann aus diesem Grund nicht behandelt werden.
„Wir müssen doch einen Namen haben und Adresse, damit unser Computer dies zu sortieren kann und damit wir wissen, wen wir die Rechnung zuschicken können, des Weiteren deine Adresse der Polizei zu kommen lassen ,auch wenn dies gesetzlich nicht stattfindet“. Ein Arzt setzt sich zu mir und redet eine halbe Stunde mit mir und erklärt mir, wie wichtig es sei, meinen Namen anzugeben. Ohne Erfolg, mir wird erklärt, dass ich mich der Behandlung dadurch widersetze. Ich sage, dass ich mich nicht der Behandlung widersetze, sondern der Angabe meines Namen und die Unterschrift. Deswegen kann ich nicht ärztlich untersucht werden. Ich werde darauf hingewiesen, dass die Hände oder Füße absterben könnten, ein längeres Hängetrauma entstehen und ich impotent oder sogar sterben kann. „Wenn es sonst nichts ist“, antwortete ich. Ich werde nicht behandelt.
Darauf gehe es dann weiter mit dem Zivilauto der Polizistinnen durch die Nacht. Einer von ihnen sitzt neben mir auf der Rücksitzbank. Es wird die Wache angerufen, zu der wir unterwegs sind, um eine ED( Erkennungsdienstlichen) Behandlung mit mir durchzuführen. Dies soll in Hürth(Rand von Köln) sein. Dort angekommen, werde ich auf einen Stuhl mit Rollen gesetzt und mir mit einem Computer die Fingerabdrücke genommen. Eine Minute später spuckt das System meinen Namen, Foto und andere Informationen über mich aus. Mir wird ein Telefon bereitgestellt, von dem ich anrufen kann und meinen Aufenthaltsort durch gebe. Die Polizistinnen drückten mir meinen Klettergurt und den Schlafsack in die Hand und bringen mich zur Tür. Ich, mit meinem Klettergurt unter dem Arm, sage ihnen, dass ich schon morgen wieder in den Bäumen sein könnte. Darauf kommt, dass es nicht ihre Zuständigkeit ist.
Ich gehe durch die Nacht. Mein Kopf dröhnt, die Bilder schießen an mir vorbei. Heute morgen noch lag ich in meine Decke eingekuschelt in Testimo und jetzt stehe ich hier. Leere. Kraftlos. Kurz vor Mitternacht .
Ich setze mich in eine der Bushaltestellen, ziehe mir den Schlafsack an und starre ins Nichts. Die Kälte fängt an, mich zu durchdringen. Ich zittere und bin müde.
Aktivistinnen kommen nach einer Weile und holen mich mit dem Auto ab. Umarmung, Freude und doch bedrückend zugleich. Mir fehlen die Worte.
Die Fahrt kommt mir ewig vor. Die Dörfer und ihre Lichter ziehen an mir vorbei.
In den kommenden Tage realisierte ich erst, was alles passiert war. Las die Presseberichte, hielt Interviews und begrüßte Unterstützerinnen. Mehrmals am Tag ging ich zu dem Ort an dem ich und viele andere vorher lebten. Es kam mir ein jedes Mal sovor, als wäre ich fremd. Ich erkannte den Ort nicht mehr. Überall lagen die Kronen der mächtigen Bäume verteilt und Schneisen durchziehen den Wald.
Am dritten Tag nach der Räumung brach ich dann endgültig zusammen. Mir ging es schlecht, ich konnte nichts essen, trinken, sowie aufstehen. Mein Kopf fühlte sich schwer und unter großen Druck. Knochen schmerzten.
Ich verließ die kommenden Tage nur selten das Bett und wenn, trudelte ich durch die Gegend und war abwesend. Alle kümmerten sich stark um mich, Tee, Suppe gemacht und nach mir geschaut. Dies wurde mir erst im nachhinein bewusst. Danke dafür.
Der Drang, raus zu müssen, wurde stärker.
Ich verließ den Wald für über eine Woche körperlich. Im Kopf verlasse ich ihn nie. Ich verbrachte viel Zeit mit mir und kümmerte mich ausschließlich um Essen und Trinken. Die erste warme Dusche nach dem Ganzen, frische Klamotten und das Gefühl unter der eignenden Last zusammen zu brechen, verfrachtete mich auf das Sofa vor dem Kamin. Mein Körper fuhr langsam runter, die Muskeln entspannten sich nach den Tagen. Alles zog in Bildern und Emotionen an mir vorbei. In dieser Zeit entstanden die ersten beiden Teile. Sie halfen mir das Erlebte aufzuschreiben und zu realisieren. Die Verarbeitung dieser Erlebnisse, bis sie Teile von dir sind, brauchen länger.
Ich schreib dies hier gerade nieder und mir kommen die Tränen, es ist, als würde ich in diesem Augenblick das letzte Mal in der Krone von Testimo sitzen. Den Sonnenuntergang über den Bäumen beobachten. Die leichte Brise im Gesicht spüren. Das leichte Schwingen der Äste im Wind erleben. Die Vögel an mir vorbei fliegen zu sehen. Wie sie ihre Nester in der Kronen bauen, dies mitunter aus dem Stroh aus dem Baumhaus. Den Baum spüren, ihn anfassen, die Energie in ihm aufnehmen. Jetzt ist der dritte Teil draußen, den du jetzt gerade liest oder dir vorlesen lässt.
Als ich wieder im Wald oder auf der Wiesen-Besetzung ankomme, empfangen mich die Menschen . Wir sitzen viel und quatschen über das Erlebte.
Der Wald hat seine Kraft für mich nicht verloren. Tagtäglich kommt es zu Zusammenstößen und Konfrontationen mit Polizei, Wachschutz und Behörden. Es findet ein zwei wöchiges Skillsharing-Camp statt mit über 70 Menschen und die anschließende Wiederbesetzung des Hambacher Forst.
In dieser Zeit kettete ich mich mit beiden Armen an einen der Radladern von RWE um ihn die Zufahrt zum Hambacher Forst zu verwehren. Zu zeigen, jeder Schritt, den ihr macht, müsst ihr euch freiräumen. Aber dies sind andere Erlebnisse. Sie verdeutlichen, das der Kampf weiter gehen wird. Räumt ihr eine Besetzung, bekommt ihr drei weitere. Um jeden Meter, den ihr zerstören wollt, werden wir kämpfen.
Mit Solidarischen Grüßen an die Kämpfenden, Vagabunden, Landlosen da draußen, ihr seid nicht allein.
Tim

Infos zu Fotos:
Foto Nr.1 Aktivisten sitzen auf Testimo (Wiederbesetzung 26.April 2014)
Foto Nr.2 Testimo (Foto Nov. 2013/ Für Polizei Baum Nr.5)
Foto Nr.3 Karte von Monkey Town
Foto Nr.4 Zeichnung wie Ich Festgekettet war/ Walk way und Traverse
Foto Nr.5 Polizei bei der Räumung von Testimo mit zwei Hebebühnen
Foto Nr.6 Testimo nach der Räumung